Biodynamik (Biodynamische Psychologie)

Gerda BoyesenDie therapeutische Schule der Biodynamik wurde von der norwegischen Psychologin und Physiotherapeutin Gerda Boyesen (1922-2005) entwickelt.

Gerda Boyesen erweiterte die Theorien Wilhelm Reichs durch einen entscheidenden Beitrag:
Sie beschäftigte sich in der praktischen Arbeit mit tieferen Prozessen des vegetativen Nervensystems und entdeckte dabei die Rolle der viszeralen Panzerung bei der Entstehung psychischer Störungen und die Bedeutung der Peristaltik für deren Behandlung: Auch die glatte Muskulatur der inneren Organe und Eingeweide kann 'gepanzert' sein, nicht nur die willkürliche Muskulatur des Bewegungsapparates.

Nach 10-jähriger Tätigkeit in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und in eigener Praxis ging Gerda Boyesen 1968 nach London. Dort integrierte sie die aus Amerika über London nach Europa einströmenden Methoden der humanistischen Psychologie und Psychotherapie, entwickelte ihre eigenen Methoden weiter und begann TherapeutInnen auszubilden.

Wichtige Aspekte und Charakteristika
Im Menschenbild der biodynamischen Therapie ist das Prinzip der Selbstregulation sehr zentral. Hat der Mensch seine ursprüngliche Flexibilität und energetische Pulsation wiedergewonnen, so ist die Möglichkeit der Selbstregulation gegeben. Biodynamische Therapie besteht darin, das eigene innere Wesen zu suchen, wobei ursprüngliche Gefühle und Impulse auftauchen dürfen und das Erlebte integriert wird.

In der biodynamischen Körperpsychotherapie, der Arbeit mit Körperprozessen, geht es hauptsächlich um die Wahrnehmung des körperlichen und emotionalen Bereiches und um die emotionale Entladung und Integration verdrängter, nicht gelebter Gefühle. Konkret heisst das, dass in einer Therapiesitzung mit den auftauchenden Emotionen, Erinnerungen und Impulsen aus Kindheitserlebnissen gearbeitet wird.

Die Biodynamik hat verschiedene Methoden entwickelt um das 'dynamische Aufsteigen' unterdrückter Gefühle zu unterstützen. Dazu gehören Massagen, Atemarbeit, Stress- und Orgonomieübungen, etc. Mittels dieser Methoden kann

 

sich die Abwehr lockern und innere Impulse können auftauchen. Es gilt dabei eine sorgfältige Balance zu halten zwischen Provokation und Integration, zwischen Ansprechen oder Anrühren des Charakterpanzers und dem Aufbau eines verbesserten Körpergefühls. Ziel der Arbeit mit Körperprozessen ist es, den Menschen wieder in Kontakt mit seinen energetischen Strömen zu bringen. Dies ermöglicht das neue Entwickeln von Vertrauen in sich und in die eigenen Körperwahrnehmungen und Gefühle. Unerlässlich dabei ist, mit den im Laufe der psychischen und körperlichen Entwicklung entstandenen charakterlichen Mustern zu arbeiten, die je nach Persönlichkeit, Störung und Entwicklungsphase verschiedene Ausformungen haben können.

Der Berührung und Massage wird in der Biodynamischen Körperpsychotherapie viel Bedeutung zugemessen. Durch das sowohl körperliche wie psychische 'Halten' und 'in Kontakt-Treten' wird ein Boden geschaffen, auf dem Blockaden durch das wiedergewonnene Vertrauen 'schmelzen' können. Hierzu dienen, nebst der Fokussierung auf die Atmung und die Funktion der Darmperistaltik, eine Vielzahl von Berührungs- und Massagetechniken, welche eine energetisch und psychisch integrierende und regulierende Wirkung haben.

Biodynamische TherapeutInnen behandeln den Körper auf unterschiedlichen Ebenen: auf der Haut, dem Bindegewebe, den Sehnen und Muskeln, der Knochenhaut und auf den verschiedenen Schichten des Energiefeldes. Gleichzeitig arbeiten sie intentional, d.h. mit bestimmter Absicht: z.B. Harmonie auf allen Ebenen des Energieflusses zu erreichen, Sicherheit zu geben, grundlegenden Kontakt aufzubauen. Sie gehen auf die durch die Massage ausgelösten Erfahrungen ein und arbeiten mit den psychischen und emotionalen Zuständen, die auftreten können. Das Einbeziehen der Atmung ist dabei ein wichtiger Bestandteil des Massageprozesses.

Die Massagen lassen sich in drei Bereiche unterteilen:

  • Biorelease-Massagen: Biorelease ist ein Sammelbegriff für Methoden zur Entlastung von körperlichen und psychischen Stresserscheinungen, ohne die Tiefen des Unbewussten zu berühren. Zu ihnen gehören Entspannungs-, Wahrnehmungs- und Atemübungen, welche Klientlnnen auch zu Hause für sich selber zur Entspannung nutzen können.
     
  • Biodynamische Massagen: Gerda Boyesen entwickelte im Laufe ihrer theoretischen Arbeit zahlreiche Massagemethoden. Sie bewirken den Abbau von körperlichen und psychischen Spannungen, den Ausgleich von Energie und die Wiederherstellung des psychischen und körperlichen Gleichgewichts.
    Das Stethoskop ist ein wichtiges Instrument in der Biodynamischen Massage. Es wird dem Klienten auf den Bauch gelegt, damit die Geräusche der Darmperistaltik ('Psychoperistaltik') gehört werden können. Dies dient dem Therapeuten als Feedback und gibt indirekten Aufschluss über den Funktionszustand des autonomen Nervensystems.
     
  • Deep Draining: Diese Massageform hat zum Ziel die neurotische Körperhaltung und eingeschränkten Atemmuster aufzulösen. Der/die TherapeutIn arbeitet in den tieferen Schichten der Muskulatur und des Bindegewebes. Deep Draining kann ebenfalls vegetative und emotionale Reaktionen bewirken und tiefgreifende psychische Prozesse auslösen.

Die Beziehung zwischen KlientIn und TherapeutIn ist in der Biodynamischen Therapie ein wichtiger Faktor.

 

Jede Interaktion, verbal oder körperlich, wird immer auch als Beziehungsfaktor verstanden und in den Therapieprozess bewusst mit einbezogen. Die Biodynamische Körperpsychotherapie ist eine klienten- und prozessorientierte Therapie. Für die Arbeit mit Körperprozessen verwenden wir Modelle von Reich, Kelemann, Boyesen und anderen, in denen Begriffe wie somatische Resonanz, vegetative Identifikation, Bonding wichtig sind. Im Zentrum des Prozesses steht die Wahrnehmung und das Erlebenen auf der inneren (geistig-seelischen) und äußeren-körperlichen Ebene. Der/die TherapeutIn geht auf dieses persönliche Erleben ein und begleitet den Prozess.

Der körperliche und der verbale Dialog sind die grundlegendste Form der therapeutischen Beziehung. Der/die TherapeutIn ist einerseits als Person mit ihren Fähigkeiten und ihrem Seinsvermögen anwesend und nimmt andererseits verschiedene Rollen ein:  ist demzufolge DialogpartnerIn, RegisseurIn, BegleiterIn, AnleiterIn, BehandelndeR und Projektionsfigur.

 

Weiterführende Literatur

  • Boyesen, G.: Über den Körper die Seele heilen, Kösel, München 1987
  • Boyesen, M.L. und G.: Biodynamik des Lebens, Synthesis, Essen 1987
  • Boyesen, P. und Huber H.G.: Eigentlich möchte ich..., Leben zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Kösel, München 1991
  • Eberwein, W.: Impulse von Innen: Biodynamik, Körperpsychotherapie zur Heilung und Selbstfindung, Transform, Oldenburg 1990
  • Sandner, B.: Theoriebildung in der Biodynamik, in Energie und Charakter, Heft 11, Juni 1995, Bernhard Maul, Berlin

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